Pappmaché in Lecce – Apulien

Spricht man von Italien, denken doch die meisten Menschen an den Norden, z.B. Gardasee oder Toscana, vielleicht auch noch an Rom. Ich träume dann von Apulien, weit im Süden von Italien, der längsten Region Italiens. Die Region Apulien überrascht mit ihren wunderschönen Landschaften und ihrem historischen, architektonischen und künstlerischen Reichtum: von normannischen Burgen über Festungen der Hohenstaufer, von mittelalterlichen Trulli-Gebäuden zu romanischen Kirchen und Abteien.

Auch die kargen Landschaften voller Olivenbäumen, zwischen denen teilweise sehr schöne Landgüter (die bekannten Masserie) hervorstechen, bieten ein zauberhaftes Bild. Der größte Teil der Region ist eben oder nur leicht hügelig, nur im Norden (Gargano) wird die Landschaft gebirgig.

Und schließlich ist da eine Küste von über 810 Kilometern Länge, die vom Gargano bis in den Stiefelabsatz reicht, an dem bei Santa Maria di Leuca das Ionische und das Adriatische Meer zusammenfließen. Den Stiefelabsatz nennt man Salento. Dies ist eine Region, die von der Landwirtschaft geprägt ist. Aber auch beeindruckende Städte wie Lecce , mein Favorit, bieten mit ihren Bauwerken ein abwechslungsreiches Erlebnis.

 

Pappmaché in Lecce – Apulien

Pappmache Kunstwerke ApulienBekannt in Lecce waren mir hunderte gut erhaltene Paläste und schwergewichtige Balkone, die sich im “centro storico”präsentieren, dort wo historische Grabungsstätten eine Zeitreise in die Geschichte Apuliens ermöglichen, die 200.000 Jahre bis in die Altsteinzeit zurückreicht. Römer, Griechen, Spanier und Araber eroberten die Stadt, wurden geschlagen und hinterließen ihre Spuren. Aus griechischen Klöstern wurden römische Tempel und Kirchen.

Als ich aber jetzt wieder im September dort war, habe ich ganz neue Eindrücke dieser interessanten Barockstadt erhalten:

Zu den auffälligsten Objekten zählt die “Chiesa di Santa Chiaria”. Ein Nonnenorden ließ sie im 18. Jahrhundert umbauen. Die frommen Frauen schmissen mit Geld nur so um sich, spendierten jedem Altar und jeder Figur eine üppige Schicht aus Blattgold. Als es aber daran ging, den Deckenschmuck zu bestellen, war die Kasse leer. Also erhielten die Handwerker in Lecce den Auftrag, es mit Pappmaché zu versuchen. Am Ende flammten die schlauen Künstler die Oberfläche sogar ab, um dem Ganzen einen Holz-Touch zu verleihen, der noch heute täuschend echt aussieht.

Lecce ist der einzige Ort in Italien oder sogar Europa, an dem die Cartapesta-Kunst noch ausgeübt wird. 13 Ateliers gibt es hier, die diese Kunst ausüben.

 

Cartapesta = Draht, Stroh, Pappe – und haltbar für Jahrhunderte

Ausgangspunkt einer jeden Figur ist ein mit Stroh umwickeltes Drahtgestell, auf das dann die Pappmasse aufgetragen wird. Die wiederum wird hergestellt, indem man Packpapier in einer Mischung aus Mehl und Wasser aufweicht und dadurch formbar macht. Dem Ganzen wird noch eine Spur Salz zugefügt – das sorgt dafür, dass den Mehlwürmern das Gemisch nicht mehr schmeckt. So können Cartapesta-Kunstwerke Jahrhunderte überstehen.

Obwohl die Figuren nur aus Pappe und Mehl bestehen, sind sie erstaunlich stabil. Selbst Regen kann ihnen nichts anhaben. “Lediglich gut abwischen muss man die Figuren, wenn sie nass geworden sind”. Das ist praktisch, denn viele der Pappmaschéstatuen werden irgendwann mal nass.

Pappmaché - Cartapesta

Armband mit Pappmachékugeln

Weil sie so leicht sind, baut man sie seit Jahrhunderten speziell für die Heiligenprozessionen, von denen es im katholischen Italien und vor allem im tiefen Süden des Landes viele gibt.Weil die Statuen aus Cartapesta viel leichter sind als die aus Holz, können sie länger und weiter getragen werden.

In Lecces Cartapesta-Ateliers wird längst mehr gefertigt als Heiligenfiguren und Krippen. Und sogar Schmuck aus Cartapesta wird in kleinen Ateliers in der Altstadt von Künstlern angeboten.

Ich konnte nicht widerstehen und hab mir ein wunderschönes Armband mit Pappmachékugeln gekauft. Immer wenn ich es trage bekomme ich große Bewunderung, wenn ich erzähle aus welchem Material die Kugeln hergestellt wurden.

Cartapesta-Figuren seien sogar eine Geldanlage, sagt mir die Künstlerin: “Alles, was älter als 25 Jahre ist, gilt als Antiquität und ist dann richtig teuer.”